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Wenngleich Circus
sowie Artist den Vorwürfen widersprachen und auch das
Veterinäramt keinerlei Beanstandungen hatte, wurde die Nummer
„nach reiflicher Überlegung“ aus dem Programm genommen. Dies
auch, um den Zauberer vor den Anfeindungen zu schützen. Danach
richteten sich die Proteste gegen die Pferdedarbietungen. Eine
Vorstellung wurde sogar durch Aktivisten gestört. Zum Ende des
Gastspiels erklärten die Produzenten, beim Weltweihnachtscircus
zukünftig auf Tiernummern zu verzichten. Somit erlebten im
Winter 2025/26 hier letztmalig rund 125.000 Besucherinnen und
Besucher den klassischen Dreiklang aus Tieren, Clowns und
Akrobaten.

Das neue Chapiteau
auf dem Canstatter Wasen
Und das auf seine
schönste Weise. Denn auch diese Ausgabe bringt wieder die Besten
der Besten auf den Canstatter Wasen. Große Truppen genauso wie
kleine, charmante Darbietungen. Insgesamt 118 Mitwirkende
verzaubern das Publikum. Ein neuer Rekord, wie das wunderschöne
Programmheft informiert.

Opening mit
Ringmaster Björn Gehrmann
Wie imposant das
Ensemble ist, wird einem schon sehr geschickt beim Opening vor
Augen geführt. Zunächst kommt eine Vielzahl der Artisten mit
Flaggen von rechts und links des Artisteneingangs herein und
nimmt auf der Piste Aufstellung, welche komplett gefüllt ist.
Bereits das ist ein eindrucksvoller Anblick. Sodann öffnet sich
der Vorhang, um den Weg für die restlichen Künstler
freizumachen. Die Begrüßung sowie die weitere Moderation
übernimmt Björn Gehrmann im roten Frack. Sein Gesicht und seine
Stimme sind den Besuchern inzwischen bestens vertraut. Souverän
und sympathisch kündigt er die einzelnen Darbietungen an, ohne
seine Auftritte unnötig in die Länge zu ziehen. Ein Ringmaster
par excellence.
  
Shandong
Acrobatic Troupe, Davis Vassallo, Silver Power
Michael Jackson
gibt die Beats vor, die Shandong Acrobatic Troupe setzt sie
genial in Hutjonglagen um. Die größte derartige Nummer der Welt
wohlgemerkt. 24 Artistinnen und Artisten setzen den Rausch des
Openings fort. Eine elektrisierende, ungeheuer dynamische
Nummer. In immer neuen Formationen lassen sie ihre
Kopfbedeckungen durch die Luft fliegen. Die zugehörigen
Choreographien sind brillant, die Akteure mit deutlich
spürbarerer Begeisterung dabei. Davis Vassallo beginnt seinen
Auftritt im Publikum. Dort spielt der Clown mit Popcorn, bevor
es in der Manege weitergeht. Dort erwarten ihn Partnerin Ashley
Vargas und ein Sprungseil. Auf letzteres bittet ihn Björn
Gehrmann. Nachdem er auf witzige Weise seinen Mantel bei Ashley
abgegeben hat, erklimmt er tatsächlich das Tau und macht darauf
eine überraschend gute Figur. Sogar drei Salti hintereinander
sind für ihn kein Problem. Bei allen artistischen Fähigkeiten
steht natürlich der Spaß im Vordergrund. Dafür darf er auch kurz
nach dem Engagement in Stuttgart beim Circusfestival von Monte
Carlo sorgen. Ruhig angelegt ist die Darbietung von Anita Füzy
und Krisztian Kranitz-Nagy. Mit ihren in Silber gehüllten,
muskulösen Körpern zeigen sie langsam gearbeitete
Partner-Equilibristik. Das Duo Silver Power lässt lebende
Statuen entstehen. Der Clou dabei ist, dass sich Anita und
Kisztian beim tragenden Part abwechseln.
  
Tulga,
Equivokee, Giulia Giona
Um Kraft geht es
auch beim nächsten Auftritt. Als wichtigstes Requisit bringt
Tulga einen großen Baumstamm mit in die Manege. Diesen lässt er
auf seinen Händen und Schultern rotieren. Als besonderer Effekt
werde die beiden Enden in Flammen gesetzt. Auch die Jonglage mit
Eisenkugeln hat der mongolische Strongman im Repertoire.
Spektakulärer Schlusstrick: Tulga hängt kopfüber an zwei Bändern
und hält den brennenden Stamm mit den Zähnen fest, unter dem
sich zusätzlich eine Tänzerin an einer Schlaufe festhält. Für
Entspannung sorgen danach Equivokee. Das wunderbare Clownstrio
spielt seine Jonglagen mit Publikumsbeteiligung. Während sich
zwei der Komiker die Keulen zuwerfen, versucht der dritte mit
einem Zuschauer zwischen den fliegenden Keulen hindurchzulaufen.
Der Gast wird fürsorglich mit einem Helm ausgestattet. Für mich
ist es immer wieder eine große Freude, das originelle Trio aus
der Ukraine zu erleben. Insofern hätte ich ihnen in dieser Show
durchaus einen zweiten Einsatz gewünscht, wohl wissend, dass
gerade in dieser Produktion die Zeit knapp ist. Insbesondere an
Tagen, an denen drei Shows hintereinander gespielt werden. Der
Name Giona ist in der Circuswelt kein unbekannter und man
verbindet ihn mit anspruchsvollen Pferdedressuren. Mit Giulia
Giona lernen wir ein neues Mitglied der Familie kennen. In einer
einfühlsamen, harmonischen Dressur bringt sie fünf prächtige
Friesen in die Manege. Dabei verschmelzen Freiheitsdressur, Hohe
Schule und Stehendreiterei zu einer einzigartigen Melange. Die
anspruchsvolle Nummer wird von der hübschen jungen Dame
überzeugend präsentiert.
  
De Tru, Hng
Thean Long, Flight of Passion
Während der
Manegenteppich wieder ausgelegt wird, erhält das Orchester
seinen Applaus. Die Musiker um Gregorsz Csaja begleiten das
Programm wunderbar mit ihrem Spiel. Dafür, dass diese und alle
anderen Umbauten im Handumdrehen erfolgen, sorgen einmal mehr
die Requisiteure unter der Leitung von Zhigniew Sliwa. Zwei
Damen und vier Herren bezaubern uns mit Percheakrobatik. Die
Formation De Tru überrascht dabei auch mit neuartigen Tricks.
Kein Wunder, kommt sie doch aus Vietnam. Damit ist für eine
Premiere gesorgt, denn noch nie zuvor konnte der
Weltweihnachtscircus eine Darbietung aus diesem Land zeigen. Hng
Thean Leong war während der Sommersaison beim Circus Knie zu
erleben, nun zeigt er seine mehrfach ausgezeichneten
Diabolojonglagen in Stuttgart. Der ungemein geschickte Chinese
nutzt nahezu während seines gesamten Acts zwei Handstäbe
gleichzeitig. So sind innovative Bewegungsabläufe möglich, die
faszinieren. Es ist unglaublich, wie Hng Thean Long seine
Doppelkegel auf immer neue abgefahrene Bahnen schickt, um sie
auf spektakuläre Weise wieder aufzufangen. Eines von mehreren
Beispielen für eine eher kleine Nummer, die in diesem
großangelegten Programm bestens bestehen kann. Einen „Flight of
Passion“ wagen hoch unter der Kuppel Dmitriy und Daria. So ist
ihre gemeinsame Kür an den Strapaten überschrieben, bei der auch
Daria in einzelnen Sequenzen den tragenden Part übernimmt.
Dmitriy wiederum beweist die Kraft seines Gebisses, wenn er
zunächst seine Partnerin mit den Zähnen festhält und später
sogar beider Körper Gewicht. Diese Darbietung ist ein
durchgehender Traum vom Fliegen, sinnlich, stark und durchaus
riskant. So kam es in einer Vorstellung am 5. Januar 2026 zu
einem Unfall. Die beiden Luftartisten stürzten aus mehreren
Metern Höhe in die Manege. Ursache war wohl ein gerissenes Seil.
Glücklicherweise kam es zu keinen ernsthaften Verletzungen.

Flying
Gonzalez
Noch einmal dürfen
wir Pferde erleben, noch einmal von einer hübschen jungen Frau
vorgeführt. Angelina Richter wird im Programmheft mit ihrer
Ungarischen Post angekündigt, welche sie auch in vielen
Vorstellungen zeigte. Wir erleben sie an diesem Nachmittag mit
einer Freiheitsdressur. Elegant dirigiert die 20-Jährige weiße
und schwarze Pferde zu harmonischen Bewegungsabläufen. Dabei
weiß sie ihre Tiere genauso gut in Szene zu setzen wie sich
selbst. Eine Sängerin sorgt für den akustischen Genuss. Damit
endet der erste Teil. Der zweite beginnt mit nicht weniger als
15 Personen am Fliegenden Trapez. Bei den Flying Gonzalez werden
gleich drei Bahnen genutzt. Sprich, die Truppe aus Chile besteht
aus drei Fängern sowie zwölf Fliegerinnen und Fliegern. Ebenso
wie die Quantität stimmt auch die Qualität. Denn die Gonzalez
begeistern etwa mit der Passage und dem Dreifachen. Gerade bei
dieser Nummer kommen die Vorzüge des Innenraums ohne Masten
besonders zur Geltung. Die Rundum-Sicht auf den großen
Luftapparat ist einfach phänomenal. Kurz und zackig gerät der
Tanz der Georgian Gladiators. Fünf Herren in roten Mänteln
bringen die Folklore ihrer georgischen Heimat nach Stuttgart.
Aus der Mongolei kommen vier Schlangenmädchen, die ihre Körper
auf außergewöhnliche Art zu verbiegen wissen. Mongolian
Contortion nennt sich diese Darbietung, die mit lebenden
Kunstwerken verwöhnt. Mal wird der gleiche Trick synchron
gezeigt, ein anderes Mal entsteht eine gemeinsam gebildete
Figur. Ich persönlich habe mich an derartigen Darbietungen
derzeit sattgesehen. Gefühlt ist ihr Einsatz recht inflationär.
  
Hermanos
Reyes, Sheyang Acrobatic Troupe, Extreme Light
Voll und ganz
meinen Geschmack treffen dann wieder die grandiosen Jonglagen
von Francisco und Jonathan Reyes. Mit Ringen und Keulen
jonglieren die Brüder jeder für sich, verwöhnen uns mit Passings
oder luchsen sich gegenseitig die Requisiten ab. Letzteres
natürlich in voller Fahrt, sprich, während sie ihre Keulen durch
die Luft fliegen lassen. Die Hermanos Reyes vertreten die fünfte
Generation einer Circusfamilie aus Chile. Das spürt man, denn
sie sind mit großem Können und voller Leidenschaft bei der
Sache. Ihr Enthusiasmus überträgt sich auf die Zuschauerränge.
In Kürze dürfen sie Publikum und Jury in Monte Carlo von ihrer
Kunst überzeugen. Für die zum Weltweihnachtscircus gereisten
Mitglieder der Sheyang Acrobatic Troupe steht die Welt Kopf.
Zumindest für diejenigen, die sich im Kopfstand springend
fortbewegen. Dies auf Händen, Füßen oder Köpfen ihrer Partner.
Als besonderer Clou springt ein Truppenmitglied auf dem Kopf von
einem Stab mit kleiner Plattform an der Spitze zum nächsten,
wobei die Stäbe immer länger werden. Das Gestell, auf dem die
Stäbe montiert sind, ruht auf den Köpfen von zwei Partnern.
Sechs Künstler von Extreme Light zeigen ihre Moves im Dunkeln.
Dank ständig anders beleuchteter LED-Kostüme tauchen sie
scheinbar aus dem Nichts auf und verschwinden auch wieder. Es
ergeben sich spannende Effekte, dank der passenden Musik geht
das Publikum bestens mit.
  
Shcherbak &
Popov, Xi'an Acrobatic Troupe, Dalian Acrobatic Troupe
Das Lied „Singing
in the Rain“ und die Latzhosen sind das akustische sowie
optische Markenzeichen von Shcherbak & Popov. Ganz besonders
brillieren die beiden aber mit ihrer außergewöhnlich starken und
vielseitigen Partnerakrobatik, für die sie 2013 mit einem
Goldenen Clown ausgezeichnet wurden. Damals war noch Sergii
Popov der Partner von Nikolay Shcherbak. Nun zeigt er diese
Ausnahmedarbietung gemeinsam mit Anatolii Boiko. Schlusstrick
ist der Einarmer auf dem Nacken des Partners, welcher sich auf
zwei Händen im Gleichgewicht hält. Noch einmal ist dank Willer
Nicolodi für Heiterkeit gesorgt. Der Ventriloquist leiht nicht
nur Mäuserich Joselito seine Stimme, sondern ebenfalls drei
Zuschauern. Die Gäste brauchen nur auf Kommando ihren Mund auf
und zu zu machen, für alles weitere sorgt Willer Nicolodi. So
entstehen witzige Dialoge in mal mehr, mal weniger passenden
Stimmlagen. In das Ballett Schwanensee entführen uns die
Mitglieder der Xi'an Acrobatic Troupe. Dabei stehen Sun Yina und
Zhou Jie mit ihrem Pas de Deux auf Schultern im Mittelpunkt. Sie
führt einen Spitzentanz auf seinen Händen, seinen Schultern
sowie auf seinem Kopf auf. Es ist schier unglaublich, dass sich
ein Mensch in diesen Positionen im Gleichgewicht halten kann.
Eine fantastische Leistung, die von sechs Tänzerinnen zu einem
Gesamtkunstwerk aufgewertet wird. Auch die Schlussnummer kommt
aus China. Die zehn jungen Herren der Dalian Acrobatic Troupe
wirbeln sich bei Handvoltigen gegenseitig durch die Luft. Dabei
lassen die Flieger Meteore – Seile mit Schälchen an beiden Enden
– rotieren. So geht es bis zum Vier-Mann-Hoch. Einige der
Sequenzen werden im Dunkeln gearbeitet, während die Requisiten
leuchten. Diese anspruchsvolle Darbietung voller Dynamik reist
vom Neckar weiter an die Cote d'Azur, um am Circusfestival von
Monte Carlo teilzunehmen. Die Show endet wie sie begonnen hat:
mit einer Manege voller Menschen. Alle Mitwirkenden
verabschieden sich ausführlich vom Publikum. Ein wahrlich
eindrucksvolles Bild, für das – wie auch für die gesamte
Inszenierung – Regisseur Joseph Bouglione verantwortlich
zeichnet. |