CHPITEAU.DE

Weltweihnachtscircus 2025/26
www.weltweihnachtscircus.de ; 167 Showfotos

Stuttgart, 21. Dezember 2025: Die 31. Saison des Weltweihnachtscircus war eine an Nachrichten reiche. Bereits vor der Premiere sorgte das neue Chapiteau für positive Schlagzeilen. Ab sofort stören dank zwei außenliegender Rundbögen keine Masten im Inneren mehr die Sicht auf die Manege. Das bedeutet einen deutlich höheren Komfort für die Zuschauer. Es folgten massive Angriffe von Tierrechtlern gegen verschiedene Circusunternehmen, von denen auch die Produktion in Stuttgart nicht verschont blieb. Als erstes traf es den Illusionisten, der mit Tauben arbeitet.

Wenngleich Circus sowie Artist den Vorwürfen widersprachen und auch das Veterinäramt keinerlei Beanstandungen hatte, wurde die Nummer „nach reiflicher Überlegung“ aus dem Programm genommen. Dies auch, um den Zauberer vor den Anfeindungen zu schützen. Danach richteten sich die Proteste gegen die Pferdedarbietungen. Eine Vorstellung wurde sogar durch Aktivisten gestört. Zum Ende des Gastspiels erklärten die Produzenten, beim Weltweihnachtscircus zukünftig auf Tiernummern zu verzichten. Somit erlebten im Winter 2025/26 hier letztmalig rund 125.000 Besucherinnen und Besucher den klassischen Dreiklang aus Tieren, Clowns und Akrobaten.


Das neue Chapiteau auf dem Canstatter Wasen

Und das auf seine schönste Weise. Denn auch diese Ausgabe bringt wieder die Besten der Besten auf den Canstatter Wasen. Große Truppen genauso wie kleine, charmante Darbietungen. Insgesamt 118 Mitwirkende verzaubern das Publikum. Ein neuer Rekord, wie das wunderschöne Programmheft informiert.


Opening mit Ringmaster Björn Gehrmann

Wie imposant das Ensemble ist, wird einem schon sehr geschickt beim Opening vor Augen geführt. Zunächst kommt eine Vielzahl der Artisten mit Flaggen von rechts und links des Artisteneingangs herein und nimmt auf der Piste Aufstellung, welche komplett gefüllt ist. Bereits das ist ein eindrucksvoller Anblick. Sodann öffnet sich der Vorhang, um den Weg für die restlichen Künstler freizumachen. Die Begrüßung sowie die weitere Moderation übernimmt Björn Gehrmann im roten Frack. Sein Gesicht und seine Stimme sind den Besuchern inzwischen bestens vertraut. Souverän und sympathisch kündigt er die einzelnen Darbietungen an, ohne seine Auftritte unnötig in die Länge zu ziehen. Ein Ringmaster par excellence.


Shandong Acrobatic Troupe, Davis Vassallo, Silver Power

Michael Jackson gibt die Beats vor, die Shandong Acrobatic Troupe setzt sie genial in Hutjonglagen um. Die größte derartige Nummer der Welt wohlgemerkt. 24 Artistinnen und Artisten setzen den Rausch des Openings fort. Eine elektrisierende, ungeheuer dynamische Nummer. In immer neuen Formationen lassen sie ihre Kopfbedeckungen durch die Luft fliegen. Die zugehörigen Choreographien sind brillant, die Akteure mit deutlich spürbarerer Begeisterung dabei. Davis Vassallo beginnt seinen Auftritt im Publikum. Dort spielt der Clown mit Popcorn, bevor es in der Manege weitergeht. Dort erwarten ihn Partnerin Ashley Vargas und ein Sprungseil. Auf letzteres bittet ihn Björn Gehrmann. Nachdem er auf witzige Weise seinen Mantel bei Ashley abgegeben hat, erklimmt er tatsächlich das Tau und macht darauf eine überraschend gute Figur. Sogar drei Salti hintereinander sind für ihn kein Problem. Bei allen artistischen Fähigkeiten steht natürlich der Spaß im Vordergrund. Dafür darf er auch kurz nach dem Engagement in Stuttgart beim Circusfestival von Monte Carlo sorgen. Ruhig angelegt ist die Darbietung von Anita Füzy und Krisztian Kranitz-Nagy. Mit ihren in Silber gehüllten, muskulösen Körpern zeigen sie langsam gearbeitete Partner-Equilibristik. Das Duo Silver Power lässt lebende Statuen entstehen. Der Clou dabei ist, dass sich Anita und Kisztian beim tragenden Part abwechseln.


Tulga, Equivokee, Giulia Giona

Um Kraft geht es auch beim nächsten Auftritt. Als wichtigstes Requisit bringt Tulga einen großen Baumstamm mit in die Manege. Diesen lässt er auf seinen Händen und Schultern rotieren. Als besonderer Effekt werde die beiden Enden in Flammen gesetzt. Auch die Jonglage mit Eisenkugeln hat der mongolische Strongman im Repertoire. Spektakulärer Schlusstrick: Tulga hängt kopfüber an zwei Bändern und hält den brennenden Stamm mit den Zähnen fest, unter dem sich zusätzlich eine Tänzerin an einer Schlaufe festhält. Für Entspannung sorgen danach Equivokee. Das wunderbare Clownstrio spielt seine Jonglagen mit Publikumsbeteiligung. Während sich zwei der Komiker die Keulen zuwerfen, versucht der dritte mit einem Zuschauer zwischen den fliegenden Keulen hindurchzulaufen. Der Gast wird fürsorglich mit einem Helm ausgestattet. Für mich ist es immer wieder eine große Freude, das originelle Trio aus der Ukraine zu erleben. Insofern hätte ich ihnen in dieser Show durchaus einen zweiten Einsatz gewünscht, wohl wissend, dass gerade in dieser Produktion die Zeit knapp ist. Insbesondere an Tagen, an denen drei Shows hintereinander gespielt werden. Der Name Giona ist in der Circuswelt kein unbekannter und man verbindet ihn mit anspruchsvollen Pferdedressuren. Mit Giulia Giona lernen wir ein neues Mitglied der Familie kennen. In einer einfühlsamen, harmonischen Dressur bringt sie fünf prächtige Friesen in die Manege. Dabei verschmelzen Freiheitsdressur, Hohe Schule und Stehendreiterei zu einer einzigartigen Melange. Die anspruchsvolle Nummer wird von der hübschen jungen Dame überzeugend präsentiert.


De Tru, Hng Thean Long, Flight of Passion

Während der Manegenteppich wieder ausgelegt wird, erhält das Orchester seinen Applaus. Die Musiker um Gregorsz Csaja begleiten das Programm wunderbar mit ihrem Spiel. Dafür, dass diese und alle anderen Umbauten im Handumdrehen erfolgen, sorgen einmal mehr die Requisiteure unter der Leitung von Zhigniew Sliwa. Zwei Damen und vier Herren bezaubern uns mit Percheakrobatik. Die Formation De Tru überrascht dabei auch mit neuartigen Tricks. Kein Wunder, kommt sie doch aus Vietnam. Damit ist für eine Premiere gesorgt, denn noch nie zuvor konnte der Weltweihnachtscircus eine Darbietung aus diesem Land zeigen. Hng Thean Leong war während der Sommersaison beim Circus Knie zu erleben, nun zeigt er seine mehrfach ausgezeichneten Diabolojonglagen in Stuttgart. Der ungemein geschickte Chinese nutzt nahezu während seines gesamten Acts zwei Handstäbe gleichzeitig. So sind innovative Bewegungsabläufe möglich, die faszinieren. Es ist unglaublich, wie Hng Thean Long seine Doppelkegel auf immer neue abgefahrene Bahnen schickt, um sie auf spektakuläre Weise wieder aufzufangen. Eines von mehreren Beispielen für eine eher kleine Nummer, die in diesem großangelegten Programm bestens bestehen kann. Einen „Flight of Passion“ wagen hoch unter der Kuppel Dmitriy und Daria. So ist ihre gemeinsame Kür an den Strapaten überschrieben, bei der auch Daria in einzelnen Sequenzen den tragenden Part übernimmt. Dmitriy wiederum beweist die Kraft seines Gebisses, wenn er zunächst seine Partnerin mit den Zähnen festhält und später sogar beider Körper Gewicht. Diese Darbietung ist ein durchgehender Traum vom Fliegen, sinnlich, stark und durchaus riskant. So kam es in einer Vorstellung am 5. Januar 2026 zu einem Unfall. Die beiden Luftartisten stürzten aus mehreren Metern Höhe in die Manege. Ursache war wohl ein gerissenes Seil. Glücklicherweise kam es zu keinen ernsthaften Verletzungen.


Flying Gonzalez

Noch einmal dürfen wir Pferde erleben, noch einmal von einer hübschen jungen Frau vorgeführt. Angelina Richter wird im Programmheft mit ihrer Ungarischen Post angekündigt, welche sie auch in vielen Vorstellungen zeigte. Wir erleben sie an diesem Nachmittag mit einer Freiheitsdressur. Elegant dirigiert die 20-Jährige weiße und schwarze Pferde zu harmonischen Bewegungsabläufen. Dabei weiß sie ihre Tiere genauso gut in Szene zu setzen wie sich selbst. Eine Sängerin sorgt für den akustischen Genuss. Damit endet der erste Teil. Der zweite beginnt mit nicht weniger als 15 Personen am Fliegenden Trapez. Bei den Flying Gonzalez werden gleich drei Bahnen genutzt. Sprich, die Truppe aus Chile besteht aus drei Fängern sowie zwölf Fliegerinnen und Fliegern. Ebenso wie die Quantität stimmt auch die Qualität. Denn die Gonzalez begeistern etwa mit der Passage und dem Dreifachen. Gerade bei dieser Nummer kommen die Vorzüge des Innenraums ohne Masten besonders zur Geltung. Die Rundum-Sicht auf den großen Luftapparat ist einfach phänomenal. Kurz und zackig gerät der Tanz der Georgian Gladiators. Fünf Herren in roten Mänteln bringen die Folklore ihrer georgischen Heimat nach Stuttgart. Aus der Mongolei kommen vier Schlangenmädchen, die ihre Körper auf außergewöhnliche Art zu verbiegen wissen. Mongolian Contortion nennt sich diese Darbietung, die mit lebenden Kunstwerken verwöhnt. Mal wird der gleiche Trick synchron gezeigt, ein anderes Mal entsteht eine gemeinsam gebildete Figur. Ich persönlich habe mich an derartigen Darbietungen derzeit sattgesehen. Gefühlt ist ihr Einsatz recht inflationär.


Hermanos Reyes, Sheyang Acrobatic Troupe, Extreme Light

Voll und ganz meinen Geschmack treffen dann wieder die grandiosen Jonglagen von Francisco und Jonathan Reyes. Mit Ringen und Keulen jonglieren die Brüder jeder für sich, verwöhnen uns mit Passings oder luchsen sich gegenseitig die Requisiten ab. Letzteres natürlich in voller Fahrt, sprich, während sie ihre Keulen durch die Luft fliegen lassen. Die Hermanos Reyes vertreten die fünfte Generation einer Circusfamilie aus Chile. Das spürt man, denn sie sind mit großem Können und voller Leidenschaft bei der Sache. Ihr Enthusiasmus überträgt sich auf die Zuschauerränge. In Kürze dürfen sie Publikum und Jury in Monte Carlo von ihrer Kunst überzeugen. Für die zum Weltweihnachtscircus gereisten Mitglieder der Sheyang Acrobatic Troupe steht die Welt Kopf. Zumindest für diejenigen, die sich im Kopfstand springend fortbewegen. Dies auf Händen, Füßen oder Köpfen ihrer Partner. Als besonderer Clou springt ein Truppenmitglied auf dem Kopf von einem Stab mit kleiner Plattform an der Spitze zum nächsten, wobei die Stäbe immer länger werden. Das Gestell, auf dem die Stäbe montiert sind, ruht auf den Köpfen von zwei Partnern. Sechs Künstler von Extreme Light zeigen ihre Moves im Dunkeln. Dank ständig anders beleuchteter LED-Kostüme tauchen sie scheinbar aus dem Nichts auf und verschwinden auch wieder. Es ergeben sich spannende Effekte, dank der passenden Musik geht das Publikum bestens mit.


Shcherbak & Popov, Xi'an Acrobatic Troupe, Dalian Acrobatic Troupe

Das Lied „Singing in the Rain“ und die Latzhosen sind das akustische sowie optische Markenzeichen von Shcherbak & Popov. Ganz besonders brillieren die beiden aber mit ihrer außergewöhnlich starken und vielseitigen Partnerakrobatik, für die sie 2013 mit einem Goldenen Clown ausgezeichnet wurden. Damals war noch Sergii Popov der Partner von Nikolay Shcherbak. Nun zeigt er diese Ausnahmedarbietung gemeinsam mit Anatolii Boiko. Schlusstrick ist der Einarmer auf dem Nacken des Partners, welcher sich auf zwei Händen im Gleichgewicht hält. Noch einmal ist dank Willer Nicolodi für Heiterkeit gesorgt. Der Ventriloquist leiht nicht nur Mäuserich Joselito seine Stimme, sondern ebenfalls drei Zuschauern. Die Gäste brauchen nur auf Kommando ihren Mund auf und zu zu machen, für alles weitere sorgt Willer Nicolodi. So entstehen witzige Dialoge in mal mehr, mal weniger passenden Stimmlagen. In das Ballett Schwanensee entführen uns die Mitglieder der Xi'an Acrobatic Troupe. Dabei stehen Sun Yina und Zhou Jie mit ihrem Pas de Deux auf Schultern im Mittelpunkt. Sie führt einen Spitzentanz auf seinen Händen, seinen Schultern sowie auf seinem Kopf auf. Es ist schier unglaublich, dass sich ein Mensch in diesen Positionen im Gleichgewicht halten kann. Eine fantastische Leistung, die von sechs Tänzerinnen zu einem Gesamtkunstwerk aufgewertet wird. Auch die Schlussnummer kommt aus China. Die zehn jungen Herren der Dalian Acrobatic Troupe wirbeln sich bei Handvoltigen gegenseitig durch die Luft. Dabei lassen die Flieger Meteore – Seile mit Schälchen an beiden Enden – rotieren. So geht es bis zum Vier-Mann-Hoch. Einige der Sequenzen werden im Dunkeln gearbeitet, während die Requisiten leuchten. Diese anspruchsvolle Darbietung voller Dynamik reist vom Neckar weiter an die Cote d'Azur, um am Circusfestival von Monte Carlo teilzunehmen. Die Show endet wie sie begonnen hat: mit einer Manege voller Menschen. Alle Mitwirkenden verabschieden sich ausführlich vom Publikum. Ein wahrlich eindrucksvolles Bild, für das – wie auch für die gesamte Inszenierung – Regisseur Joseph Bouglione verantwortlich zeichnet.

In der Spielzeit 2025/26 verstehen es die Produzenten Henk van der Meijden, Monica Strotmann, Elisa van der Meijden und Dalien Cohen wieder ganz vortrefflich, die Balance aus leistungsstarken Truppendarbietungen und kleineren, charmanten Darbietungen zu finden. Dabei kennen sie nur ein Niveau, das höchste. Dieser Weltweihnachtscircus erfüllt die Erwartungen seiner Zuschauer wieder aufs Beste, lässt sie staunen, lässt sie träumen, lässt sie lachen - lässt sie mehr als zufrieden nach Hause gehen Die Stuttgarter Produktion behauptet ihren Spitzenplatz. Schwer vorzustellen, dass sie im kommenden Winter ohne Tierdressuren auskommen wird. Vertrauen wir darauf, dass die Macher auch im 32. Jahr das richtige Gespür beweisen und bei ihrem Publikum für restlose Zufriedenheit sorgen.

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Text und Fotos: Stefan Gierisch