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Mit dem „blauen
Dom der Freude“ verbinden sich für Circusfreunde viele schöne
Erinnerungen. Auf der Würzburger Talavera können wir tief in
diese eintauchen, durchschreiten wir beim Einlass doch die
große Fassade und betreten, nachdem wir das schön
ausgestattete Vorzelt passiert haben, das bestens bekannte
Spielzelt. Der ikonische Artisteneingang mit der
Showtreppe und dem hufeisenförmigen Portal beherrscht die
Szenerie. Neueren Datums sind dagegen die beleuchtete Piste und
die runde Bühne vor der Manege und zwischen den frontalen Logen.
Das Orchester thront über dem Zuschauereingang. Es ist ein Setting, das nicht leicht zu bespielen ist, denn das „größte
reisende Circuszelt der Welt“ ruft nach bombastischen Programmen
im Stil des Krone-Festivals, um die gewaltigen Distanzen zu
überbrücken. Mit Elefantenherde, Raubtiershow und großer
Luftsensation à la „Borzovi“.
  
Kristian
Kristof, Opening, Anna Demeter
Die Begrüßung und
die weitere Moderation übernimmt Kristian Kristof – ein echter
Gentleman im schwarzen Frack, charmant und elegant. Obwohl
Deutsch nicht seine Muttersprache ist, macht der Ungar seine
Sache hervorragend. Es wäre schön, wenn er dauerhaft als
Sprechstallmeister gewonnen werden könnte, nachdem diese Aufgabe
bisher bei jeder Ausgabe des Würzburger Weihnachtscircus in neue
Hände gelegt wurde. Ungewöhnlich ruhig für Krone, mit
geheimnisvoll tönender Musik, ist das große Opening gestaltet.
Auf der Showtreppe erscheinen zunächst das sechsköpfige Ballett
der Kiev Academy in roten Kleidern, eine Artistin in einem Kleid
mit riesigen Engelsflügeln und eine weitere, welche die
Hula-Hoop-Reifen kreisen lässt. In der Manege kommen einzelne
Mitglieder der Truppe Nonstop in bunten Anzügen sowie die Truppe
„Mystery of Gentlemen“ mit Handvoltigen hinzu. Nahtlos geht das
Charivari in den Auftritt der jungen Ungarin Anna Demeter am
Schwungseil über. Dabei überzeugt sie beispielsweise mit dem
Genickhang, Mehrfach-Überschlägen, dem Rutschen in den Fershang
und wagemutigen Pirouetten in Abfaller hinein. Zum Auftritt
geleitet und später wieder am Boden in Empfang genommen wird sie
von den Damen des Balletts, die ihr ein rotes, leuchtendes Herz
mit auf den Weg geben.
 
Marine
Cannelle, Pastelito de Chile und Pastelito Junior
Gleich ins Herz
schließen wir auch Marine Cannelle vom Cirque Théâtre Èquestre
Jehol. Zunächst zeigt die sympathische Französin auf dem
Pferderücken stehend einzelne Tricks der Jockeyreiterei, auch
mit Sprüngen. Dann folgen Elemente der Freiheitsdressur am
Boden. Unter anderem lässt sie ein Ross absitzen und ein anderes
um dieses herumlaufen. Sanft und ruhig verläuft diese einfühlsam
vorgeführte Darbietung, begleitet vom französischen Chanson „Voilà“,
und gipfelt in einer Stehendreiterei auf zwei Pferden, neben denen
links und rechts zwei weitere laufen. In der nachfolgenden
Umbaupause tanzt das Ballett in Weihnachtskostümen zwischen Parkettloge und Tribüne zum Rudolf-Song, füllt damit den Raum.
Stolz ist man beim Circus Krone auf das Engagement von Agustin
Maluenda Rios alias „Pastelito de Chile“, schließlich ist der
Clown in seiner südamerikanischen Heimat ein Star und hat
aktuell einen Silbernen Clown in Monte Carlo gewonnen. Dennoch
werden Pastelito und sein Sohn Pastelito Junior von Kristian
Kristof aufgefordert, die Manege gleich wieder zu verlassen.
Dass sie dort durchaus ihren Platz haben, versuchen die beiden
Herren mit Jonglagen auf der Rola (der Sohn) und mit Gesang
(beide) unter Beweis zu stellen. Sie legen tolle Stimmen und
engagiertes Spiel an den Tag.
 
Duo Medel,
Thomas Lacey
Für einen
Höhepunkt des Programms sorgt das mexikanische Duo Medel mit
seiner Partnerakrobatik. Besonders bemerkenswert ist der
Schlusstrick, der mit einem Flic Flac von Victor Castillo über
den Partner Antonio Medel hinweg zum Handstand auf dessen Händen
beginnt. Und dies, während Antonio Medel in einem Gesell
kopfüber diagonal nach unten hängt, die Füße in zwei Schlaufen
auf der Plattform gehalten, die Unterschenkel gegen eine
Barriere gedrückt. Aus dieser Position kämpft er sich, den
Partner weiterhin auf Händen tragend, in die Vertikale zurück.
Nachdem dieses äußerst kraftraubende Kunststück nach einem
Scheinsturz im zweiten Anlauf gelingt, gibt es tosenden Appplaus.
Für Tempo sorgt sodann Thomas Lacey. Er gefällt bei seiner
Hundenummer mit seinem temperamentvollen und doch eleganten
Auftreten. Zehn Vierbeiner unterschiedlicher Rassen dirigiert er
durch eine umfangreiche Trickfolge. Dabei springen sie durch
Reifen und eine Röhre, über ein Seil und über Hürden oder
schlagen Salti. Mit der Polonaise aller Tiere, die Vorderpfoten
jeweils auf dem Rücken des vorangehenden Hundes, findet die
Nummer ihren Abschluss.
 
Christofer
Eötvös und Magic Girls, Fahrer der Torres Riders
Für die schön und
aufwendig in Szene gesetzten Großillusionen von Christofer Eötvös verwandelt sich das Ballett in seine „Magic Girls“.
Zunächst taucht der junge Ungar aus einer scheinbar leeren
Glasbox auf, nachdem diese sich mit Nebel gefüllt hat. Dann
lässt er die Damen erscheinen und verschwinden. Zum Schein
werden sie entweder zerteilt oder zusammengepresst. Auch sich
selbst schont der Magier nicht, wird er doch zumindest dem
vermittelten Eindruck nach von herabfallenden Stäben durchbohrt.
Natürlich erleben wir ihn gleich darauf unverletzt. Seine
Perücke mit den langen roten Haaren und das knallrote T-Shirt
mit der Aufschrift „Pastelito de Chile“ sowie die blaue Hose
behält der Clown für den zweiten Auftritt an, sein Sohn tauscht
das Shirt mit „Junior“-Druck jedoch gegen ein elegantes Livree.
So gibt er den seriösen Part in einer Variation über das
Grundmotiv des verbotenen Musizierens. Ein Klatschwettbewerb der
Tribünenblöcke, absurder Tanz und Gesang und schließlich
Pastelitos Spiel als „Ein-Mann-Orchester“ sind Elemente dieser
Szene. Fächer mit daran befestigten Tüchern bewegt das Ballett
in seinem Tanz auf der Vorbühne und auf den Treppenaufgängen des
Gradins. Währenddessen wird die Motorradkugel aus dem Hause
Maximiliano Luftmann, „powered by Torres Riders“, aufgebaut. Das
Besondere an dieser Variante ist der Einsatz von E-Motorbikes,
so dass das Spektakel flüsterleise und ohne Abgasgeruch
auskommt. Letztendlich rasen vier Fahrer hintereinander her
durch die Kugel, Fahrer Nummer fünf kreuzt ihre Bahnen.
 
Truppe
Nonstop, Ballett der Kiev Academy
Nach dem ruhigen
Opening des ersten Programmteils beginnt die zweite Hälfte bunt,
farbenfroh und mitreißend, dies mit den fünf Herren und der Dame
der Truppe Nonstop. In ihren verschiedenfarbigen Anzügen zeigt
das Sextett, das fast schon fest zum Circus Krone gehört, an
zwei Trampolinen mit „Haus“ dazwischen ein Feuerwerk an Sprüngen
und Salti. Ganz in Schwarz gestalten die Damen der Kiev Academy
dagegen den Übergang zur nachfolgenden Nummer. Mit ihrem
raumgreifenden, sauberen, hochklassigen Tanz sind sie ein echter
Pluspunkt dieser Produktion.
 
Oscarita
Maluenda, Benjamin Cannelle
Mit Oscarita
Maluenda geht es nochmals hoch hinaus. Mit strahlendem Lächeln
und durchaus anspruchsvollen Tricks, die Kraft und Beweglichkeit
zugleich erfordern, beeindruckt sie bei ihrer Luftakrobatik an
einem schönen Kronleuchter. Am Saxofon und mit dem live
gesungenen „Halleluja“ wird sie von Pastelito und Junior
begleitet. Zwei Wirbel – zunächst kopfüber an einem Fuß, dann im
Genickhang – bilden den Abschluss der Darbietung. Während
ursprünglich Sacha Houcke und Gaby Dew mit ihren Tierdressuren
angekündigt waren, erleben wir nun die exquisiten
Pferdenummern des Cirque-Théâtre Èquestre Jehol. Ein Hochgenuss
ist besonders die Freiheit mit sechs verschiedenfarbigen
Rössern, die Benjamin Cannelle vorstellt. Teils zu Pferd, teils
vom Boden aus dirigiert der Franzose in ruhiger und souveräner
Weise anspruchsvolle Lauffiguren und Solosteiger. Offenkundig
sind die Tiere bei ihm in besten Händen.
  
Kristian
Kristof, Pastelito de Chile, Mystery of Gentlemen
Ball-Atmosphäre im
Stil der 1920er Jahre wird geschaffen, wenn die Tänzerinnen des
Balletts Kristian Kristof die große Showtreppe hinunter
geleiten. Unten angekommen, zeigt er, dass er auf einer mit dem
Mund getragenen Zigarre einen Stapel aus drei Stühlen, einem
Tischchen, einer Zigarrenkiste und einer brennenden Kerze
balancieren kann. Es folgen ganz klassische Gentleman-Jonglagen
– mit drei Zigarrenkisten und drei Zylindern. Ein wunderbarbar
traditionelles Bild, mit Witz und Können präsentiert! Nochmals
erobern Pastelito und Junior den Ring. Erst foppen sie ihren
Assistenten, dem hinterrücks ein „Smiley“ aus weißem Schaum auf
den Rücken gesprayt wird, dann wird wieder musiziert. Ihre
durchweg schrillen Szenen mögen mehr auf den Humor in ihrer
südamerikanischen Heimat als auf das fränkische Verständnis von
Komik gemünzt sein, doch sympathisch sind sie allemal und
spätestens jetzt bringen sie auch mich herzlich zum Lachen. Für
die starke Schlussnummer sorgt die mongolische Truppe „Mystery
of Gentlemen“. Sie kombiniert zwei Genres zu einer echten
Rarität. Die männlichen Akteure balancieren hierbei auf großen
Kugeln. Von dort aus katapultieren sie ihre beiden Partnerinnen
zu Handvoltigen in die Luft und fangen sie wieder auf, dies auch
von Kugel zu Kugel und bis hin zum Drei-Personen-Hoch. |