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Doch der Reihe nach. Der Weg
zum Dresdner Weihnachts-Circus ist seit meinem letzten Besuch
2022 aufwendiger geworden. Aufgrund der Hochwassergefahr am
Elbufer steht das Unternehmen jetzt etwas weiter außerhalb an
der Washingtonstraße nahe eines Einkaufszentrums. Die
Straßenbahn hält vor der Tür. Am Material lässt sich ein wenig
die Geschichte dieses Weihnachtscircus ablesen. Auf den Masten
des ehemaligen Probst-Chapiteaus finden sich die von
Busch-Roland bekannten Laternen. Letzterer begründete die
Tradition, die jetzt ihre 28. Spielzeit feiert. Das Chapiteau
stammt aus der Zeit, als Mario Müller-Milano den Circus leitete.
Inzwischen haben die Gebrüder Köllner die Direktion übernommen.

Zeltanlagen des Dresdner
Weihnachts-Circus
Der Weg zum Sitzplatz führt
zunächst durch ein kleines Zelt, das weihnachtlich dekoriert
ist. Noch opulenter ist die Deko im großen Gastronomiezelt. Das
kulinarische Angebot ist ringsum platziert und lässt keine
Wünsche offen. Wer Speisen und Getränke im Sitzen genießen will,
kann dies in einem weiteren Zelt tun. Dort findet sich zudem ein
Cafewagen. Im Chapiteau dann ebenfalls echte Großcircus-Optik.
Unzählige Reihen Schalensitze und Stühle auf dem Gradin sowie in
der Loge laden bis zu 2.400 Zuschauer zum Genießen der Show ein.
Über dem großen Artisteneingang thront das Orchester unter der
Leitung von Milosz Rafael Potoczny. Auf dem Entree werden
während der Shows Animationen eingespielt, zudem werden Namen
und Auszeichnungen der gerade auftretenden Darbietung angezeigt.
Alles sehr professionell, für meinen Geschmack aber teilweise
too much. So sieht man etwa die Ikarier schwer, weil sie sich
kaum vom Bühnenbild abheben. Die an der Seite sitzenden
Zuschauer können das Geschehen in der Manege via Livebild auf
zwei zusätzlichen Screens verfolgen.
  
Team von Laszlo Simet,
Jimmy Saylon, Sergio Paolo
Bei der Programmkonzeption sind
die Gebrüder Köllner der bekannten Linie treu geblieben. In
Dresden wird nach wie vor der echte Großcircus gefeiert. Dies
sogar mit Raubtieren, inzwischen eine echte Rarität. Moderiert
wird die Show von Sascha und William Köllner in schicken
Smokings. Zum Opening begrüßen uns Sänger Severino Seeger,
Sieger der zwölften DSDS-Staffel, sowie die sechs Tänzerinnen
des Flash of Splash-Balletts. Natürlich begleitet vom wunderbar
spielenden Orchester. Währenddessen ist das Requisit für die
erste Nummer bereits aufgebaut, die von silber funkelnden
Figuranten in der Luft eingeleitet wird.. Das Semaphore hat in
der Tat beeindruckende Ausmaße. Die drei Artisten aus dem Team
von Laszlo Simet nehmen uns mit ins Weltall. Sie balancieren auf
der Mischung aus Todesrad und Hochseil waghalsig in
Astronauten-Outfits. Sie fahren darauf Fahrrad oder laufen im
Zwei-Personen-Hoch. Laszlo Simet selbst steuert den Apparat vom
Boden aus. Für Großillusionen in Steampunk-Optik steht Jimmy
Saylon. Zusammen mit seinen Magic Girls verzaubert der Italiener
das Publikum. Sie lassen sich gegenseitig verschwinden, um dann
auf wundersame Weise wieder zu erscheinen. Das alles sehr
liebevoll und mit Wow-Effekt in Szene gesetzt. So richtig in
Schwung kommt die Show dann dank Sergio Paolo. Der Bouncing-Jongleur
schickt seine Bälle auf immer abgefahrenere Touren und läuft
dabei mal eben ganz locker eine Treppe hinunter. Das alles macht
er mit der Lebensfreude seiner südamerikanischen Heimat. Ein
echter Showman eben. Als Zugabe lässt er seine Bälle unter einer
Tischplatte tanzen und versenkt sie dann in einem
Basketballnetz.
 
Adrien, Renaldo Weisheit
Die Clowns Tom und Pepe kennen wir etwa von den Wintershows des
Circus Krone. In Dresden erleben wie sie gemeinsam mit Weißclown
Adrien als Trio Les Payatz. Ihren ersten Auftritt haben sie auf
dem Gradin. Es ist eine Kabbelei darum, wer wo welche Musik
machen darf. Formvollendet im Frack führt Renaldo Weisheit seine
Pferdefreiheit vor. Diese besteht aus jeweils vier Friesen und
weißen Arabern. Wir erleben eine anspruchsvolle Dressurfolge,
die wie am Schnürchen abläuft. Melodien aus dem Musical „Phantom
der Oper“ bilden die musikalische Begleitung. Einige Sequenzen
laufen in Dunkeln, wobei die Geschirre der Tiere leuchten.
Verschiedenen Steiger bilden die Da Capi. Dann dürfen die Clowns
die Manege erobern. Es wird im Duo und Trio musiziert. Ein Herr
aus dem Publikum darf die Trommel schlagen, während Tom und Pepe
auf Klarinetten spielen. In diese Szene sind wunderbar gespielte
Gags eingebaut, sodass der Spaß nicht zu kurz kommt. Der erste
Teil endet mit der Wuhan Acrobatic Troupe. Deren Mitglieder
springen elegant durch Reifen verschiedener Größen, die sich
wiederum in unterschiedlichen Höhen befinden. Das Flugtrapez der
Flying Martini ist zumindest an diesem Nachmittag nicht zu
sehen, wenngleich ihr Apparat unter der Kuppel hängt. Die
Ankündigung der Pause übernehmen Tom und Pepe mit einem
Spezialgefährt sowie Sascha Köllner.
  
Löwe aus der Gruppe von Denny Montico, Segura
Brothers, Duo Kyrioz
Zu Beginn des zweiten Teils ist der Zentralkäfig aufgebaut.
Darin erleben wir Denny Montico mit einem Mähnenlöwen und vier
Tigern. In der harmonischen Dressur bilden die Großkatzen etwa
eine Pyramide und überspringen sich gegenseitig. Einer der Tiger
läuft auf den Hinterbeinen. Das alles geschieht ruhig und
entspannt. Die Partnerschaft zwischen Mensch und Tier wird
deutlich sichtbar. Während die Gitterelemente abgebaut werden,
unterhalten uns Severino Seeger und das Ballett. Anschließend
versuchen Tom und Pepe im Zuschauerraum einen riesigen Turm
bunter Weihnachtsgeschenke zuzustellen. Mit den Segura Brothers
geht die Show rasant weiter. Die Brüder präsentieren ihre
Ikarischen Spiele so, wie es sein soll: energiegeladen, charmant
und sehr gekonnt. Bei den zig Salti zum Abschluss hat der
Flieger sogar die Augen verbunden. Davor erleben wir
variantenreiche Sprungkombinationen, die keine Wünsche offen
lassen. Einzig der oben bereits erwähnte fehlende Kontrast zum
Hintergrund trübt das Erleben. Ein Weihnachtscircus muss seinen
Gästen jedes Jahr neue Attraktionen bieten. Das ist den
Gebrüdern Köllner mit dem Engagement des Duo Kyrioz auf ganz
besondere Weise gelungen. Was diese Artisten aus Mexiko zeigen,
ist auch für weitgereiste Circusfans ein spannendes Erlebnis.
2022 waren sie mit ihren Balancen auf Kugeln beim Festival in
Budapest. Das Herauflaufen eines runden, in der Mitte
ansteigenden Kreises aus Schienen auf Kugeln ist nur die
Einstimmung. Dann steht sie auf einer Kugel, die auf seinem Kopf
ruht. So geht es eine Leiter hinauf und hinunter. Beim
Finaltrick stehen beide auf einer Kugel. Seine ruht auf dem
Boden, ihre auf dem Kopf des Partners.
  
Sascha Köllner, Kolev Sisters, Wuhan Acrobatic
Troupe
Noch einmal sorgen Les Payatz für Heiterkeit. An einem Putzwagen
vermehren sie auf wundersam Weise Weinflaschen. Beim Spiel mit
Klopapierrollen darf auch das Publikum mitmachen. Es wird eine
wilde Schlacht. Einen Goldenen Clown gab es für die Kolev
Sisters beim Internationalen Circusfestival von Monte Carlo
2024. Jetzt beweisen sie in Dresden, dass sie vollkommen zu
recht zu den weltbesten Equilibristinnen gehören. Mit
Spitzentricks wie dem Kopfstand auf einem Fuß der Partnerin und
dem einarmigen Handstand auf dem Nacken der ebenfalls auf den
Händen stehenden Schwester faszinieren sie die Zuschauer.
Frenetischer Applaus ist der verdiente Lohn. Der Wuhan Acrobatic
Troupe gehört die Schlussnummer. Für die Artistik an der großen
Schaukel gab es 2024 in Monte Carlo einen Silbernen Clown. Ob
damals an der Cote d'Azur genau diese Artisten ausgezeichnet
wurden, ist eine gute Frage. Inzwischen gibt es diese Darbietung
mehr als einmal. Am Abend zuvor konnten wir eine weitere Ausgabe
in Heilbronn sehen. Wie dem auch sei, schon das imposante
Requisit macht Eindruck. Die weiten Sprünge, die die große
Formation damit wagt, ebenfalls. Gelandet werden diese zunächst
auf Matten und auf der oberen Etage von Menschentürmen. Im
weiteren Verlauf wird eine Plattform über die Aufhängung der
Schaukel geklappt. Die dort stehenden Partner fangen die Flieger
ebenfalls auf. In der Tat eine außergewöhnliche Darbietung. Das
folgende Finale eröffnen die Damen des Balletts und Severino
Seeger. Er besingt den „Kreislauf des Lebens“ und „Proud Mary“,
während alle Mitwirkenden in die Manege kommen und sich vom
Publikum feiern lassen. Sascha und William Köllner erinnern in
ihren Abschiedsworten daran, dass eine solch große Circusshow
nur möglich ist, wenn das Publikum dies mit seinem Besuch
honoriert. |