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Roncalli Weihnachtscircus Berlin 25/26
www.roncalli.de ; 162 Showfotos

Berlin, 19. Dezember 2025: Unter den Eventlocations im Land eignet sich das Tempodrom in Berlin sicher ganz besonders für Circusshows. Dies allein schon wegen seiner runden Grundform. Nichtsdestotrotz ist es eine Mehrzweckarena, die erstmal nüchtern daherkommt. Darin für (Circus-)Atmosphäre zu sorgen, ist letztendlich Sache des jeweiligen Veranstalters. Die Crew von Roncalli ist inzwischen bestens versiert darin, schließlich findet dessen Weihnachtscircus bereits zum 21. Mal an diesem Ort statt.

Und dennoch ist es eine kleines Wunder, das jedes Jahr wieder gelingt. Anders als ein Chapiteau, das zumeist mit ordentlich Vorlauf auf dem ohnehin nicht anderweitig genutzten Festplatz aufgebaut werden kann, steht das Tempodrom erst wenige Tage vor der Premiere zur Verfügung. In dieser kurzen Zeit muss sich die Technik einrichten, die Artisten müssen ihre Apparate einbauen, alle müssen für sich an dem neuen Ort proben und letztendlich muss die Show gesamthaft entstehen.


Circus-Theater Roncalli im Berliner Tempodrom

Die Verantwortung dafür liegt bei Patrick Philadelphia. Der Roncalli-Geschäftsführer hat die Show erdacht und umgesetzt. Das natürlich immer in Abstimmung mit Direktor Bernhard Paul. Vor seinem Eintreffen in Berlin hat er bereits die Aufbauarbeiten für die Weihnachtsproduktionen in Bremen, Lübeck und Osnabrück geleitet. Das Konzept für die Show in Berlin steht vorab, es muss „nur“ noch umgesetzt werden. Das Ballett muss seine Choreographien beherrschen, das Orchester seine Arrangements. Dazu kommen Besonderheiten wie in diesem Winter ein neuer Lichtdesigner. Am Nachmittag vor der offiziellen Premiere - am Tag zuvor gab es bereits ein „Soft Opening“ - wirkt Patrick Philadelphia entspannt, schaut sich die Vorstellung ganz genau an und notiert sich Ideen für Optimierungen. Optimierungen, die dem normalen Besucher nicht auffallen. Denn alles läuft schon wunderbar harmonisch ab. Alles passt, alles begeistert.


Das Orchester

Einen ganz gewichtigen Anteil an der Gesamtwirkung der Show hat die Musik. Was Georg Pommer hier in kurzer Zeit mit teilweise neuen Instrumentalisten sowie der fantastischen Sängerin Lina Posada auf die Beine gestellt hat, ist phänomenal. Das Orchester spielt zum Niederknien schön. Wenn zu Beginn des Finales „DJ play me a Christmas Song“ erklingt, ist Glücksseligkeit garantiert. Sollte es davon eine Aufnahme geben, melde ich allergrößtes Interesse an. Stilistisch gibt es eine große Bandbreite: von aufgepeppten klassischen Weihnachtsliedern bis hin zu den Beatles.


Prof. Wacko, Scott & Muriel

Die Beatles stehen mit ihrem Album „Magical Mystery Tour“ auch Pate für das Programmkonzept. Denn dabei bildet die Zauberei das zentrale Thema. Prof. Wacko als Zauberer Merlin und seine Partnerin Natalia als Hexe bilden den roten Faden. Sie sind zwischen den Nummern mit kleinen Einlagen wie Jonglagen, dem Ritt auf einem Stier, dem Verknoten von vier Herren aus dem Publikum sowie der Jagd auf einen Schmetterling zu erleben. Zudem sehen wir Prof. Wacko im Solo mit seiner komischen Akrobatik auf dem Trampolin. Clowns im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Somit ist es vor allen Dingen an Scott und Muriel, für den Spaß zu sorgen. Ihre Comedy-Zauberei überzeugt sowohl durch anspruchsvolle Tricks, die originell umgesetzt werden, als auch durch ihr herrlich überdrehtes Spiel. Scott gibt den leicht zerstreuten Illusionisten, sie die extrovertierte Assistentin. Sie verbinden Staunen und Lachen. Im ersten Auftritt steht Kistenzauberei im Mittelpunkt, im zweiten verdreht Scott seiner Partnerin den Kopf und im dritten wird ein Zuschauer zersägt. Letzteres in hinreißenden Showkostümen im Stile der 1970er Jahre.


Shandong Acrobatic Troupe, Eliza Khachatryan

Im bunten, berauschenden Opening mit eigenständigen Kostümen wird viel getanzt und die Artisten zeigen Kostproben ihres Könnens, nachdem sie von Zauberer und Hexe zum Leben erweckt wurden. Mit dabei ist das aus vier Tänzerinnen und zwei Tänzern bestehende Ballett. Das Sextett erleben wir immer wieder in ansprechenden Choreographien und wunderbaren Kostümen. Farbenprächtig gerät der artistische Auftakt. Elf Frauen der Shandong Acrobatic Troupe sorgen mit ihren Antipodenspielen für faszinierende Bilder. Ihre Requisiten – Walzen und Trommeln – sind in gelb mit roten und grünen Ornamenten gehalten. Diese Muster werden auch auf den drei Screens über und neben dem Orchesterpodium gezeigt. Doch die Jongleusen lassen nicht nur virtuos diese Gegenstände auf ihren Füßen tanzen, sondern auch ihre Partnerinnen. So entstehen wahre lebendige circensische Kunstwerke vom Feinsten. Dann erleben wir die Tänzerinnen in edlen winterlichen Kostümen. Ihre Kollegen schieben eine weiß-blauen Kutsche auf Kufen herein, die eigentlich von einem Rentier gezogen wird. Dieses verkörpert Prof. Wacko. Am wichtigsten ist aber die Insassin. Eliza Khachatryan konnten wir im vergangenen Winter auf einem vergleichsweise niedrig gespannten Seil im Pariser Cirque d'Hiver erleben. Nun führt sie ihren Spitzentanz auf dem Seil wieder in großer Höhe auf. So wie etwa im dritten Programm der Winterspielzeit 2013/14 im Kronebau. Man weiß gar nicht, was man mehr bewundern soll, ihre tänzerischen Fähigkeiten, ihren enormen Gleichgewichtssinn oder ihren Wagemut. Am besten alles zusammen, denn der Auftritt von Eliza Khachatryan ist ein ganzheitliches Schauspiel, das derzeit seinesgleichen sucht. Einfach grandios.


Les Deux Plumes, Duo Vanegas, Julot Cousins

Aus einer riesigen Spieluhr steigen zwei jungen Damen, Marika Ashley Gould und Rochelle Berwick. Sogleich geht es für sie unter das Hallendach, wo sie mit ihrer Kür am Luftring als Les Deux Plumes bezaubern. Es ist ein Ballett in luftige Höhe voller anspruchsvoller Tricks und anmutiger Posen. Die Zuschauer dürfen mit offenen Augen träumen – und ein wenig mitfiebern. Denn ein gewisses Risiko birgt diese ungesichert gearbeitete Nummer durchaus. Wahre Adrenalinjunkies müssen Alejandro und Michael Ricardo Daza Vanegas sein. Mit ihren abgefahrenen Touren auf dem Todesrad sorgen sie vor der Pause für mächtig Nervenkitzel. Beim Seilspringen laufen sie sogar gemeinsam auf den Außenseiten der beiden Räder. Höhepunkt ist der von Alejandro gesprungene Salto. Zurück in der Manege empfängt das Duo Vanegas nicht nur frenetischer Applaus, sondern dort warten ebenfalls Merlin und das Ballett. Im Artisteneingang bilden alle zusammen das Schlussbild des ersten Teils. Mit den Tänzerinnen und Tänzern geht es auch nach der Pause weiter. Bereits aufgebaut ist ein schwankender Mast von beachtlicher Höhe. Diesen erklimmt ein nicht mehr ganz junger, aber quicklebendiger Herr in Straßenkleidung. Es ist schon beachtlich, mit welcher Leichtigkeit Julot Cousins die Stange hinaufklettert. Doch damit nicht genug. Oben angekommen, schwankt er auf dem Mast nach links und rechts. Im Stand, mit um verschiedene Körperteile kreisenden Reifen, im Handstand und sogar im Einarmer.


Duo Fossett, Lost, Duo Vitalys

Auch bei der nächsten artistischen Darbietung sind die Augen der Gäste Richtung Decke gerichtet. Das Duo Fossett präsentiert Akrobatik an der Luftperche. Dabei wechseln sich Noemi Amanada Krich und John Laszlo Fossett beim tragenden Part ab. So hängt sie gleich am Beginn mit den Füßen an der Stange. Dabei hat sie eine Schlaufe um den Hals, an der zwei Bänder hängen. An diesen wiederum zeigt er Aufschwünge. Beim Schlusstrick ist John es, der kopfüber am Pole hängt. Noemi hält er dabei mit den Zähnen fest. Sie selbst hängt auch mit dem Gebiss an einem Verbindungsstück. Wenn sie in dieser Position um die eigene Achse rotiert, sorgen weiße Bänder und Glitter für zusätzliche Effekte. Wunderschön gestaltet ist das Intro zu den Handvoltigen und Menschenpyramiden der Formation Lost. Die vier in weiß gekleideten jungen Herren spielen für jeweils eine Dame aus dem Ballett an vier weißen Flügeln Klavier. Dann katapultieren sie sich gegenseitig zu wahren Höhenflügen in die Luft. Oder aber sie bilden gemeinsam menschliche Kunstwerke der Equilibristik. Nach ihrer Performance nehmen sie die vier Tänzerinnen in goldenen Kleidern wieder in Empfang. In ihrem zweiten Auftritt lassen die Artistinnen der Shandong Acrobatic Troupe Teller auf langen Stäben rotieren. Bei verschiedenen, herrlich anzusehenden Figuren überzeugen sie wiederum mit großem Können. Zwei Herren ist es vorbehalten, vor dem Finale für Begeisterung zu sorgen. Wenn Pablo Nonato Panduro und Joel Yaicate Saavedra im Kopf-auf-Kopf durch die Manege laufen, gelingt ihnen das spielend. Das Duo Vitalys überzeugt auch bei allen anderen kraftvollen Tricks der Partner-Equlibristik auf ganzer Linie. Zudem sehen die beiden Artisten blendend aus. Das Finale wird Roncalli-like groß zelebriert. Im Epilog lässt es Prof. Wacko im Tempodrom schneien.

Damit endet eine wunderbare Show, für mich eines der Highlights der Weihnachtscircus-Saison 2025/26. Stark besetzt und liebevoll in Szene gesetzt. Die Tour nach Berlin hat sich mehr als gelohnt. Das größte Lob gilt aber den Musikerinnen und Musikern sowie Georg Pommer. Sie begleiten nicht einfach das Geschehen in der Manege, sondern machen es zu etwas ganz Besonderem. Eben zu einer grandiosen Circusvorstellung!

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Text und Fotos: Stefan Gierisch