Gemeinsam
mit Frank Rupprecht hat er das Konzept entwickelt, die
Artisten ausgewählt und auch Regie geführt. Und so nimmt uns
das Ensemble mit auf eine Reise um 100 Jahre zurück in der
Zeit. Bereits vor dem eigentlichen Beginn sind einige der
Künstler im Zuschauerraum – jetzt wieder in der
Vor-Corona-Bestuhlung – unterwegs. Musik gibt es ebenfalls
schon. Die gewohnte Band Neelah pausiert in diesem März. An
ihrer Stelle spielen die Charleston-Chasers. Das sind Pianist
Bernd Schmidt, Schlagzeuger Ralf Göldner, Saxophonist Thomas
Kilian und Bassist Frank Willi Schmidt. Sie sorgen den ganzen
Abend über für authentische Livemusik. Eben aus den 1920er
Jahren. Dies bei den Chansons von Jo van Nelsen genauso wie
bei nahezu allen Auftritten der weiteren Künstler.

Jo
van Nelsen
Der Abend
beginnt mit, wie kann es anders sein, „Veronika der Lenz ist
da“. Jo van Nelsen interpretiert damit einen Gassenhauer der
Comedian Harmonists. Sodann holt er uns thematisch ab und
entführt uns in die Zeit des Wirtschaftswunders, aber auch der
kulturellen Blüte. Mit immer neuen Schlagern aus seinem schier
unerschöpflichen Repertoire begleitet er uns durch den Abend.
Immer mit einer persönlichen Note, einem ganz eigenen Stil.
Auch die Garderobe wechselt und bringt uns so formvollendet
verschiedene Outfits aus dieser Zeit näher. Zudem obliegt es
Jo van Nelsen, die artistischen Darbietungen anzukündigen. Das
beherrscht er natürlich aus dem Effeff, war er doch viele
Jahre als Conferencier im Tigerpalast zu erleben. So bereitet
er seinen Künstlerkollegen immer ganz wunderbar die Bühne.
  
Jeton, Shelly, Frank Willi Schmidt
Los geht
es mit Gentlemanjongleur Jeton nebst Assistentin Carmen. Er im
dunklen Smoking, sie im eleganten roten Abendkleid, passen die
beiden schon in ihrer gewohnten Bühnengarderobe perfekt in den
Rahmen. Jeton jongliert mit Stock, Melone und verknoteten
weißen Handschuhen sowie mit drei Bällen. Besonders
faszinierend sind aber seine einzigartigen Tricks. Bei dem
einen balanciert er einen großen Spiegel auf der Stirn, um ihn
dann mit dem Kopf auf die nächste Ecke gleiten zu lassen. Bei
dem anderen hält er zwei aufeinanderliegende Queues auf dem
Kinn im Gleichgewicht. Auf dem oberen liegt noch eine Billardkugel. Dazu serviert Jeton „gepflegte Herrenwitze“. Als
aufgedrehte spanische Flamencotänzerin gibt Shelly vom Duo
Strange Comedy eine erste Kostprobe ihrer Kunst. Ein
herrlicher Spaß, bei dem die Dame auch auf drei Beinen
unterwegs ist. Frank Willi Schmidt bringt mit der singenden
Säge ein seltenes Instrument virtuos zum Klingen. Für den
zugehörigen Song verwandelt sich Jo van Nelsen in die
Schauspielerin Pola Negri.
  
Margo
Darbois, Noah Chorny, Silea
Ungeheuer
stilvoll, ausdrucksstark präsentiert Margo Darbois ihre
Handstand-Akrobatik. Ganz in Schwarz gehüllt tanzt sie einen
Tango, aber eben auf den Händen. Ihr Parkett wird quasi von
vier Handstäben gebildet. Darauf hält sie ihren Körper
variantenreich im Gleichgewicht. Den Flirt mit dem Publikum
beherrscht sie ebenfalls par excellence. Was es mit der
Gaslaterne auf sich hat, die direkt vor der Bühne platziert
ist, erfahren wir, wenn Noah Chorny seinen Auftritt hat. Er
schaut wirklich so aus, als sei er einem Hollywood-Stummfilm
entsprungen. So jedenfalls wird er im Programmblatt
beschrieben. Offensichtlich ist es seine Mission, für Licht zu
sorgen. Als das Erklimmen der Laterne mit einer Leiter nicht
funktioniert, klettert er kurzerhand den Mast hinauf. Dabei
handelt es sich um einen Schwankenden Masten. Darauf arbeitet
Noah Chorny verwegene Eskapaden. Natürlich ist er ein
begnadeter Akrobat. Gleichzeitig ein wunderbarer Spaßmacher.
Beim Striptease in luftiger Höhe gibt er die Blicke auf seinen
muskulösen Oberkörper frei. Zurück auf dem Boden gönnt er sich
einen Schluck aus der Pulle. Den darf sich das Publikum in der
folgenden Pause ebenfalls genehmigen. Wenn sich der Vorhang
wieder öffnet, ist das Drahtseil gespannt. Darauf tanzt Silea.
Die gebürtige Frankfurterin lebt inzwischen in Schweden. Ihre
Performance kommt aus einem Guss daher, äußerst dynamisch,
voller Lebensfreude. Eben ein einziger Tanz. Darin verpackt
sind unter anderem der Spagat, hohe Sprünge und Balancen auf
einem Bein. Das Ganze serviert mit viel Personality.
  
Jeton, Shelly (Duo Strange Comedy), Monsieur Chapeau
Noch
einmal stehen Jeton und Carmen im Scheinwerferlicht. Nun wirft
der Jongleur Untertassen und Tassen in die Luft, um sie auf
seinem Kopf zu stapeln. Teelöffel und Zuckerstück
komplettieren den Turm. Selbstverständlich wird all das wieder
mit viel Witz serviert. Das komische Highlight in diesem an
heiteren Momenten nicht eben armen Programm setzt das Duo
Strange Comedy. Es fängt schon damit an, dass ihr eigener
rot-golden eingefasster Artisteneingang mit schwarzem Vorhang
auf Fingerzeig „vollautomatisch“ auf die Bühne fährt. Die
dunklen Stoffbahnen sorgen dafür, dass die verrückten Tricks
überhaupt funktionieren. Da steckt die aufgekratzte Shelly den
Kopf ihres Partners Jason in eine Zauberkiste und verdreht ihn
nach Belieben. Auch das Jonglieren mit vier Reifen gelingt
Shelly dank der Hilfe aus dem Off wunderbar. Einfach ein
schräges Paar, das letztendlich doch perfekt harmoniert. Jede
Menge Koffer hat Monsieur Chapeau im Gepäck, wenn er mit Hose,
Weste, kurzem weißen Hemd, Fliege und Schiebermütze die Bühne
betritt. Die Reiseutensilien bilden das Podest, auf dem er
seine Rola Rola-Balancen arbeitet. Er springt auf einer Rolle
Seil, hält sich auf einer Kugel im Gleichgewicht und stapelt
am Ende fünf Walzen übereinander. Wenn Monsieur Chapeau auf
diese wackelige Konstruktion steigt, stehen seine Kollegen an
der Seite bereit, um ihn im Notfall aufzufangen. Aber die
Übung gelingt souverän. Eine Nebenrolle in dieser flotten,
ungemein sympathisch gespielten Darbietung nimmt ein Teddybär
ein, der eine überraschende Verwandlung durchmacht. Zum
Schluss noch das obligatorische, aber hochverdiente Lob an
Licht- und Tonregie. Sie machen den Genuss perfekt. |