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Alexis Gruss 2016 - "Quintessence"
www.alexis-gruss.com

Paris, 2. Dezember 2016: Nunmehr im dritten Jahr in Folge arbeitet die Familie Alexis Gruss bei ihren Winterproduktionen in Paris mit dem Künstler-Ensemble „Les Farfadais“ zusammen. Entstanden ist die Zusammenarbeit im Rahmen eines gemeinsamen Auftritts unter freiem Himmel im Amphitheater von Orange. Beide Seiten hatten damals Ausschnitte ihrer jeweils aktuellen Produktionen zusammengeworfen. Das Ergebnis wurde unter dem Motto „Pégase et Icare“ präsentiert. So erfolgreich, dass damit gleich zwei Spielzeiten in Paris sowie eine Tournee durch große Hallen in ganz Frankreich bestritten wurden.

Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil der Cirque Alexis Gruss zuvor lange nicht mehr auf Gastspielreisen gegangen war: Seine Produktionen konnte man nur noch in Paris und, in abgespeckter Form, im Sommerquartier in Südfrankreich erleben. Letztlich wurden bei „Pégase et Icare“ laut Angaben des Circus mehr als 500.000 Besucher gezählt. Und nun werden auf das Pariser Wintergastspiel wieder 36 Vorstellungen in 18 großen Hallen folgen. Hat Alexis Gruss also den Königsweg gefunden? Aus unserer Sicht leider nicht. Doch der Reihe nach. „Pégase et Icare“ war noch eher ein Zufallsprodukt. Nun hatte man genügend Zeit, eine echte gemeinsame Produktion auf die Beine zu stellen. Auch „Quintessence“ bedient sich dabei Motiven der griechischen Mythologie. Joseph – gespielt vom jugendlichen Joseph Gruss – soll das fliegende, als unzähmbar geltende Pferd Pegasus retten. Hierfür muss er jeweils Essenzen der vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde sammeln. Somit ist ein Rahmen gespannt, um wieder große Bilder in und über der Manege zu kreieren.


Les Farfadais 

Die Truppe „Les Farfadais“ unter der artistischen Leitung von Stephane Haffner trägt erneut verschiedene, vorwiegend luftakrobatische Truppennummern bei. Dabei wird ein kolossaler technischer Aufwand betrieben. Hierfür steht eine Plattform mit nahezu dem gleichen Durchmesser wie die Manege zur Verfügung. Sie kann sich bis zum Boden absenken oder bis hoch unters Zeltdach fahren. Zudem ist dieses Podium mit allerlei technischen Raffinessen ausgestattet. Zu Beginn hängt die Plattform in der Luft. Sie öffnet sich in der Mitte, und ein großes Metall-Ei erscheint, schwebt ein Stück Richtung Boden. An diesem Gestell turnen acht Mitglieder des Farfadais-Ensembles: vier Damen an Ringen, vier Herren an horizontalen Stangen. Zwischen ihnen ist noch Platz für Sängerin Rachel Gardner-Smith. Ebenso in großer Formation zeigen die Farfadais wenig später fünffache Bungee-Duo-Akrobatik unter der schwebenden Plattform. Dabei erscheinen die Artisten durch kreisrunde Luken in dem Podium.


Les Farfadais - Elemente Erde und Wasser

Die folgenden Farfadais-Darbietungen nutzen die zu Boden gelassene Plattform als Bühne. Zunächst arbeitet ein Sextett aus jeweils drei Damen und Herren an einem dreifachen Mast. Die drei Masten sind durch eine Kugel zu einem Konstrukt verbunden. Wenn zwei Masten am Boden liegen, steht der dritte senkrecht in die Höhe. So lässt er sich in klassischer Weise für Pole-Akrobatik nutzen. Eine ganz neue Variante ergibt sich, wenn die Kugel am Boden liegt und nun drei Masten schräg in die Luft ragen: Nun kann die Konstruktion wie eine „Karussell“ genutzt werden, an dem die Artisten Luftsprünge machen. Wesentlich einfacher zu beschreiben ist der nächste Farfadais-Act: Da räkeln sich Damen und Herren, nur in weiße Unterwäsche gekleidet, lasziv in einer Art Mehlkiste, bewerfen sich mit weißem Sand und kombinieren dies mit einigen partnerakrobatischen Übungen. Leider gemeinsam ist allen Auftritten, dass stets eher der Schauwert als das akrobatische Können im Vordergrund steht. So spielt es dann eigentlich auch keine Rolle mehr, ob man im zweiten Programmteil nun ein sechsfaches Vertikalseil oder wenig später einen sechsfachen Luftring zu sehen bekommt: Alles ähnelt allem und wird dadurch schnell langweilig. Insbesondere bei der Schlussnummer wird auf gewaltiges Brimborium gesetzt: Nun kommt auch noch Wasser zum Einsatz. Flugs wird der Rote Ring mit Folie ausgekleidet und dadurch zur Wassermanege light. In den Öffnungen der schwebenden Plattform befinden sich inzwischen wassergefüllte Plexiglas-Einsätze, in denen man sich wieder räkeln kann. Es fällt Regen aus der Kuppel, es setzen Fontänen vom Manegenrand aus ein, und natürlich wird aufreizend geduscht. Das ist optisch beeindruckend, aber artistisch bleibt es more of the same – nunmehr mit Luftakrobatik zunächst an Tüchern, dann an Seilen. Wie schon in „Pégase et Icare“ setzen die Farfadais durchweg auf knappste Kostüme und Begleitung durch Chart-Musik. Leider fehlt es Sängerin Rachel Gardner-Smith dabei deutlich an Stimme; an vielen Hymnen der Popmusik versteigt sie sich regelrecht.


Alexis Gruss und Rachel Gardner-Smith

Im Vergleich zu „Pégase et Icare“ sind die Auftritte der Farfadais und der Familie Gruss noch stärker getrennt. Farfadais- und Gruss-Nummern wechseln einander ab. Die Familie Gruss beweist dabei einmal mehr ihr großartiges Können in allen denkbaren equestrischen Disziplinen, aber auch in der Akrobatik und Jonglage. Auf ihre wunderbaren Fähigkeiten als Clowns jedoch müssen wir, wie schon im Vorgängerprogramm, erneut verzichten. Nach der Ouvertüre mit formidablen Lichtspielen und pompösen Klängen und einem ersten Aufzug der gesamten Familie als Reiter sehen wir bald einen ersten, vielseitigen Pferdeblock: Alexis Gruss lässt drei Schimmel temperamentvoll flechten und dabei die Manege umrunden. Er leitet Pferde und Ponys zu verschiedenen Steigern an. Sein Sohn Stephan, Tochter Maud und Schwiegersohn Tony begeistern mit dem selten gezeigten „Pas de Trois“ zu Pferd, und Stephans Zwillingssöhne Charles und Alexandre beweisen sich als Jockeyreiter. Wenige Tage nach dem Saisonschluss des Circus Knie, mit dem sie auf Saison waren, sind sie nun wieder ein wichtiger, tragender Part im Unternehmen der Familie. Wir sehen sie im Verlauf des Abends mit rasanter Stehendreiterei (mit Vater Stephan und ihrem jüngeren Bruder Louis), mit Jonglagen zu viert (mit Onkel Tony Florees sowie wiederum ihrem Vater) sowie natürlich mit Ausschnitten ihrer sensationellen Jonglage zu Pferd. Die Hohe Schule ist doppelt im Programm vertreten: Wenn Alexis Gruss sie reitet, wird er dabei von Sängerin Rachel Gardner-Smith begleitet. Sie singt und tanzt neben ihm im Sägemehl. Für zauberhafte Momente sorgen Ehefrau Gipsy Gruss und Tochter Maud Gruss bei ihrer vorzüglich gerittenen Hohen Schule.


Ungarische Post

Das Glanzlicht vor der Pause bildet die Ungarische Post. Maud Gruss reitet, ihr Vater ordnet in der Manegenmitte. Fünfzehn Vorauspferde in Dreiergruppen vereint die Reiterin, die alle Bänder von den Pferderücken fehlerfrei aufnimmt. Schon während der Darbietung setzt begeisterter Applaus ein, und Maud Gruss dreht abschließend mit ihrem imaginären Gespann noch einige rasante Runden. Ebenso beeindruckend ist ihre Drahtseil-Nummer. Eben noch tanzend, rutscht sie flink in den Spagat. Sie fährt Einrad, springt Seil – und balanciert schließlich auf Spitzenschuhen über den gespannten Draht. In dieser Position verharrt sie auch, als die Spannung gelöst wird, sich das Drahtseil zum Schlappseil wandelt und langsam gen Boden schwebt. Noch nicht ganz ausgereift ist offenbar das Pferdekarussell auf drei Bahnen, vorgestellt von Alexis Gruss. Hier wird mit zwei Reitern, zahlreichen Longen von Pferd zu Pferd sowie von Pferd zu Tierlehrer und mit Führpersonen dafür gesorgt, dass alles wie am Schnürchen läuft. Komplettiert werden die Auftritte der Familie Gruss durch eine charmante Hundedressur von Gipsy Gruss sowie eine weitere, spannende Facette der Stehendreiterei: Stephan Gruss und sein zweitjüngster Sohn Louis schießen dabei treffsicher mit Pfeil und Bogen und werfen mit Beilen auf ihr Ziel. Bei den Auftritten der Familie Gruss zeigt das zehnköpfige Orchester unter Sylvain Rolland was es wirklich kann – bei schwungvollen, anspruchsvollen Originalkompositionen im typischen Sound des Hauses.


Maud und Gipsy Gruss

Wie schon im Vorjahr wird diese Produktion vom Publikum mit Standing Ovations gefeiert. Auch uns kann „Quintessence“ kann auf jeden Fall viel eher überzeugen als die Vorgängershow „Pégase et Icare“. Und dennoch: Die traditionelle, hochklassige Circuskunst der Familie Gruss mit ihrem erlesenen Stil und Geschmack und die aufgesetzt erotische, auf Schauwert und Brimborium setzende Farfadais-Welt passen nicht zusammen. Die Luftakrobaten sind fehl am Platz. Die Tragik mag sein, dass der traditionelle Pferde-Circus der Familie Gruss eher ein Liebhaber-Publikum anspricht, während die Farfadais mit bunten Bildern, Pop-Musik, technischem Aufwand und Sex-Appeal die breite Masse erreichen.

Sich unterm Springbrunnen zu produzieren mag einfacher sein als die Hohe Schule zu reiten, aber es kommt beim „Normalpublikum“ wohl besser an. Das erklärt den Erfolg dieser Kooperation. Wir würden uns dennoch weiter wünschen, dass die Familie Gruss sich auf ihr früheres Konzept besinnt und sich auf eigene Stärken konzentriert. Ohne „Les Farfadais“.

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Text: Markus Moll; Fotos: Time to Fly / Cirque Alexis Gruss