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40. Festival International du Cirque de
Monte Carlo 2016

www.montecarlofestivals.com ; 350 Showfotos

Monte Carlo, 14. - 24. Januar 2016: Die zweiten Standing Ovations des Abends gehören einem Mann, der nicht mehr unter uns ist. Ohne ihn aber wären wir alle nicht hier. Fürst Rainier winkt uns von einem großen Foto am Artisteneingang zu und wird frenetisch gefeiert. 1974 hat er das Festival International du Cirque de Monte Carlo ins Leben gerufen und damit die gesamte Circuswelt geadelt. Jahr für Jahr kommen Mitte Januar die Besten der Besten in das Fürstentum an der Cote d'Azur, um einen der begehrten Clowns mit nach Hause zu nehmen.

Sie sind auch heute, wo es eine Vielzahl derartiger Festivals gibt, noch eine harte Währung. In der aktuellen Ausgabe allerdings werden keine Trophäen vergeben. Es ist das 40. Festival. Und deshalb sind (fast) nur Artisten eingeladen, die bereits in Monte Carlo ausgezeichnet wurden. Bei der Golden Gala am Dienstag gibt es dann aber doch eine Überraschung: Der einzige Goldene Clown 2016 geht an Prinzessin Stephanie. Sichtlich gerührt nimmt sie die Auszeichnung entgegen. Und sie hat sie mehr als verdient, führt sie doch das circensische Erbe ihres Vaters fort. Und dieses ist ihr Verpflichtung, vor allem aber ein großes Anliegen – und offensichtlich eine große Freude. Bei den Proben sitzt sie regelmäßig in der Loge und beobachtet alles aufmerksam. Gerne mischt sie sich unter die Artisten, sie ist Teil des Ensembles. Ganz ohne Berührungsängste. Sie kennt ohnehin alle, und alle kennen sie.


Straßenparade

Wenngleich es keinen Wettbewerb gibt, folgt dieses Festival dem bekannten Ablauf. Zunächst werden zwei verschiedene Auswahlvorstellungen – in diesem Jahr unter dem Titel Golden Show - gespielt. Am Dienstag der Höhepunkt, die Golden Gala. Bis zum folgenden Wochenende können wieder die Golden Shows besucht werden. Dann allerdings nicht mehr in zwei verschiedenen Varianten. Hinzu kommen die Parade, die Open Air Circus Show auf dem Platz vor dem Fürstenpalast, der ökumenische Gottesdienst, Ausstellungen und das Fußballspiel einer Auswahl des Fürsten gegen ein Team von Artisten. Zudem spielt in diesem Jahr David Larible sein Soloprogramm im Theatre Princesse Grace, und der Cirque Piedon präsentiert seine Show am Port Hercule. Das ganze Fürstentum scheint in diesen Tagen im Circusfieber. Schaufenster sind dem Anlass entsprechend dekoriert, Fahnen und Plakate weisen auf das Festival hin. Nahezu auf Schritt und Tritt sieht man bekannte Gesichter. Solche, die man persönlich kennt und solche, die man schon des Öfteren in der Manege bewundert hat. Kurz, das Festival International du Cirque de Monte Carlo ist auch in diesem Jahr wieder ein einziger großer Rausch.


Opening

Der Höhepunkt ist sicherlich die Golden Gala. In einer sechsstündigen Vorstellung sind die Top Acts unserer Zeit zu erleben. Einmalig sind die gleichzeitigen Auftritte mehrerer Nummern in einer Manege. So arbeiten an diesem Abend die Peres Brothers, die Pellegrini Brothers und Encho Keryazov zusammen. Oder Laura Miller und Anastasia Makeeva fliegen gemeinsam durch die Luft, um kurz darauf in ein Wasserbassin abzutauchen. Flavio Togni und Alexis Gruss stellen ihre Pferde gemeinsam und im Wechsel vor. Im Folgenden soll es aber um die beiden „Auswahlvorstellungen“ gehen. Sie beginnen kurz nach 20 Uhr und sind gegen 1 Uhr nachts zu Ende. Eine hochkarätige Darbietung folgt auf die nächste. Das Niveau ist durchgehend spitze. Nur der persönliche Geschmack sorgt für die Differenzierung. Aber für jeden Besucher dürfte eine Fülle an „Lieblingsnummern“ dabei sein. Über der breiten Gardine thront wie gehabt das große Orchester von Reto Parolari, wobei der Orchesterchef selbst kurzfristig ausgefallen ist. Zum Auftakt spielen die Musiker den monegassischen Circusmarsch. Während der Show sind sie allerdings nicht durchgängig im Einsatz. Die bestens ausgestattete Lichtanlage wird virtuos eingesetzt. Unser Monsieur Loyal ist wiederum Petit Gougou. Grundsätzlich eine gute Besetzung. Aber seine Moderationen geraten einfach viel zu lang. Zumeist sind es allgemeine Hinweise zum Festival, die folgenden Darbietungen werden nur kurz vorgestellt. Umbaupausen werden so nicht überbrückt, sondern künstlich in die Länge gezogen. Hier hätte eine Straffung gut getan. Es bleibt aber der einzige Wermutstropfen.


Bello Nock, Housch Ma Housch, Fumagalli

Der Auftakt ist bei beiden Shows gleich. Nachdem die Fürstenfamilie in der Mittelloge Platz genommen hat, gehört die Manege einem Bingo-Ensemble und Kelly Huesca. Die Sandmalerin kreiert auf einem Tisch das Konterfei von Fürst Rainier, während die Artisten vom Circustheater aus der Ukraine dazu tanzen. Es folgt der Einzug aller Artisten des Festivals. Mit großen Flaggen ziehen sie vom Zuschauereingang aus zwischen Logen und Gradin hindurch in die Manege. Das dort versammelte Ensemble gibt ein eindrucksvolles Bild ab. Danach kommen Fumagalli, Bello Nock und Housch Ma Housch gemeinsam hereinspaziert. Vereint spielen sie Housch Ma Houschs Szene mit einer Kordel, an der man ziehen kann und die natürlich irgendwann „kaputt“ ist.


Martin Lacey junior, Massimiliano Nones, Nicolai Pavlenko

Ebenfalls in beiden Auswahlshows zu sehen sind Löwen und Elefanten sowie das Flugtrapez. Martin Lacey junior zeigt einen Teil seiner großen gemischten Raubtiernummer. Aber auch diese Gruppe, welche nur aus Löwen besteht, ist imposant anzusehen. Nachdem er einen guten Teil der Trickfolge gearbeitet hat, betreten Massimiliano Nones und Nicolai Pavlenko den Zentralkäfig. Lacey trägt einen dunklen Smoking, seine beiden Kollegen jeweils Frack. Ein sehr elegantes Bild also, das in dieser Form einmalig ist. Gemeinsam leiten die drei Gold-Gewinner Laceys Löwen zu weiteren Figuren an. Die Familie von Rene Casselly begeistert mit ihrer Akrobatik auf dem Rücken von vier afrikanischen Elefanten. Sie präsentieren jenen Querschnitt, den wir kurz zuvor beim Stuttgarter Weltweihnachtscircus erleben konnten. Die leistungsstarke und perfekt verkaufte Nummer endet mit dem per Schleuderbrett gesprungenen dreifachen Salto auf den Rücken eines Elefanten von Rene Casselly junior. Frenetischer Applaus ist ihnen ebenso sicher wie der Publikumspreis. Als Pausennummer erleben wir jeweils nach den Cassellys ein wahrhaft imposantes Bild unter der Kuppel. Nicht weniger als elf Flieger stehen auf der Brücke, wenn die Flying Tabares zur großen Flugschau starten. Zwei Fänger erlauben einen Ablauf ohne Pausen. Sobald der Trick auf der einen Bahn beendet ist, startet auf der anderen der nächste. Und an Tricks mangelt es der US-amerikanischen Truppe wahrlich nicht. Es ist alles dabei, was dieses Genre zu bieten hat. Als Zugabe gibt es eine Flugshow im UV-Licht.


Rosi Hochegger, Bello Nock, Alexis Gruss

Zwei unterschiedliche Haustier- und Pferdedressuren komplettieren das Tierprogramm. Ergänzt um weitere Vierbeiner lässt Rosi Hochegger ihre große Hundefamilie durch die Manege fegen. Die Tiere unterschiedlicher Größe erscheinen aus einer Häuserkulisse, um dann höchst motiviert ihre Tricks vorzuführen. In alpiner Aufmachung dirigiert Bello Nock Kühe, Ziegen, Schweine und Gänse des American Circus. Von dort kommt ebenfalls Flavio Togni. In bester Circusmanier zelebriert er eine herrliche Pferdefreiheit. Togni trägt Frack, seine Tiere sind mit Federpuscheln herausgeputzt. Er beginnt mit sechs Falben und schließt den ersten Teil mit einem sehr variantenreichen Zwölferzug in drei Farben. Der ganze Ablauf ist flott, schnell und sicher. Die folgenden da capi lassen wirklich keine Wünsche offen. Es gibt einen Gruppensteiger mit zwölf Pferden, eine Kapriole am Zügel sowie weitere Steiger in allen denkbaren Formen. Meisterlich die Pferdenummer von Alexis Gruss in der zweiten Auswahlvorstellung. Seinen Goldenen Clown hat er bereits 1975 gewonnen. Somit ist er der Artist dieses Festivals, dessen Prämierung am weitesten zurückliegt. Den Kern seines Auftritts bildet einen Gruppe aus jeweils drei weißen und braunen Arabern. An den Pferden sind aus der Kuppel herunterhängende Bänder in den französische Nationalfarben befestigt. Mit diesen flechten die Vierbeiner Zöpfe. Auch Alexis Gruss hat verschiedene Steiger in seinem Programm. Der Meister der Pferdedressur mit einzigartiger Ausstrahlung führt sie höchst elegant vor.


Tonito Alexis, Willer Nicolodi, Steve Eleky

Etwas ungleicher die Verteilung bei den Komikern. Für meinen Geschmack genau die richtige Dosis an Clownerie bietet die erste Auswahlvorstellung. Housch Ma Housch hat zwei Auftritte. Zum Einen spielt er zunächst Musik auf einer Gitarre, dann mit Hilfe einer XXL-Rolle Klebeband. Am Ende erscheint Bello Nock komplett darin eingewickelt. Zum Anderen animiert er zwei Zuschauer zum Musizieren mit Becken und Stimme. Für das große Entree sorgen Fumagalli, Daris Huesca und Tonito Alexis. Das dank der letzten Sommersaison im Circus Krone bestens eingespielte Trio weiß mit seinem „Bienchen“ auch in französischer Sprache zu begeistern. Respekt insbesondere vor Tonito Alexis, der trotz seines jungen Alters den strengen Part überzeugend verkörpert. Er spielt zudem im Entree der Rastellis den Weißclown. Diese treten in der zweiten Auswahlvorstellung auf, zu der wir nun kommen. Die Rastellis musizieren viel, lassen Instrumente explodieren und reihen bekannte Gags aneinander. Zwei Auftritte haben die Starbugs. Die Erfinder der Rhythmischen Sportkomik mischen coole Moves zu flotten Beats mit wirklich originellen Ideen. Mehrere Auftritte hat Bello Nock. Der amerikanische Clown mit Schweizer Wurzeln ist nicht nur ein wunderbarer Spaßmacher, sondern zudem ein waghalsiger Artist, wie er in einer seiner Nummern beweisen darf. Für größte Heiterkeit sorgen natürlich ebenfalls die Auftritte von Willer Nicolodi und Steve Eleky. Bauchredner Nicolodi hat die gewitzte Maus Joselito im Gepäck. Ferner leiht er drei Zuschauern neue Stimmen. Eleky führt ein Best of seiner beiden bekannten Darbietungen auf. Sprich er jongliert zunächst, um danach höchst professionell magische Wunder wahr werden zu lassen.


Anastasia Makeeva, Shcherbak & Popov, Flight of Desire

Artistisch beginnt die erste Auswahlvorstellung mit dem Duo Pilar. Die Geschwister Jonathan und Solenn zeigen eine riskante, perfekt präsentierte Kür auf Rollschuhen. Sehr effektvoll akustisch unterstützt wird ihr letzter Trick, denn dabei wird das Geräusch ihrer Rollschuhe auf dem Podest via Lautsprecher übertragen. Perfekte Präsentation und hohes Risiko beschreiben ebenfalls die traumhafte Luftnummer von Anastasia Makeeva. Im kurzen roten Kleid arbeitet sie diese an geflochtenen Tüchern. Mit jeweils drei Gegenständen jongliert Kris Kremo und ist unbestritten der prominenteste Star dieses Genres. Trotzdem verkauft er seine Touren mit Bällen, Hüten und Zigarrenkistchen immer mit einem Schuss Ironie. Etwa, wenn er sich den gerade selbst verliehenen Orden wieder aberkennt. Wei Baohua trägt seine Partnerin Wu Zhendan auf den Schultern und auf den Armen, wo sie ein wahres Ballett auf Fußspitzen tanzt. Höhepunkt ist der Stand auf dem Kopf des Partners. Auf den Spitzen eines Fußes wohlgemerkt. Rasant wird es bei den Cat Wall Acrobats. Das junge Team aus Kanada sorgt dank zweier Trampoline für mächtig Wirbel an einem Haus aus Plexiglas. Große Bilder mit verschiedenen Disziplinen der Artistik sind die Spezialität der Ensembles vom Circustheater Bingo. Auch in Monte Carlo begeistern die Ukrainer mit einer lebendigen Choreographie. Hand-auf-Hand-Akrobatik zu „Singing in the Rain“ - damit haben Shcherbak & Popov Monte Carlo und danach viele große Manegen erobert. In Latzhosen zeigen die beiden verdammt cool schwierigste Figuren. Für einen Thriller nach Mitternacht sorgen Valery Sychev und Malfina Abakarova. Nach verletzungsbedingten Einschränkungen arbeiten sie als Desire of Flight erstmalig wieder ihre komplette Nummer an den Strapaten. Wenngleich sie ungeheuer elegant wirkt, enthält sie viele riskante Tricks. Mit einer großen Formation schließt diese Show. Im Mozart-Stil katapultieren sich die Mitglieder der Truppe Sokolov gegenseitig in die Luft. Dank ihrer Schleuderbretter erreichen sie dabei enorme Höhen. Traumhafte Sprünge werden in den unterschiedlichsten Varianten geflogen und auch gelandet. Am Ende gar auf einem ausgetüftelt konstruierten Turm, an dessen oberen Ende ein Sessel auf den Flieger wartet.


Encho Keryazov, Peres Brothers, Laura Miller

Encho Keryazov lässt als erste artistische Nummer in Auswahlvorstellung zwei die Muskeln spielen. Mit seiner Handstandakrobatik zieht er mühelos alle Blicke auf sich. Acht Klötzchen auf jeder Seite bilden den Turm, den er im Handstand zum Einstürzen bringt. Ein traumhaftes Bild erzeugen die Diabolo Girls. Die langen Federn am Kopfschmuck sind das Markenzeichen der Chinesinnen. Große Bilder wechseln sich in dieser ruhigen Choreographie ab mit Tricks einzelner Jongleusen. Sechs Tänzerinnen des Balletts aus Minsk helfen den Peres Brothers aus den Mänteln. Die beiden Portugiesen zeigen Partner-Equilibristik par excellence. Der Höhepunkt ist erreicht, wenn Adans seinen Bruder Ivan auf einer Hand balanciert, während dieser einen Kopfstand macht. Die Elemente Wasser, Feuer und Luft vereint Laura Miller in ihrer lebhaften, ausgelassenen Kür an den Strapaten. Ihre Luftakrobatik unterbricht sie immer wieder mit einem Bad in einem großen Wasserbassin. Effektvoll perlen die Tropfen, wenn sie daraus an den Bändern nach oben gezogen wird. Noch einen drauf setzt sie mit einem beherzten Sprung ins Bassin, auf dessen Rand Flammen lodern. Einen besonders herzlichen Applaus erhalten die Fratelli Pellegrini. Viele der Zuschauer im Chapiteau kommen aus der Circuswelt. Sie wissen insbesondere um Ivan Pellegrini und seinen großen Wunsch, nach seinem erfolgreichen Kampf gegen den Krebs wieder in Monte Carlo auftreten zu können. So ist die Partner-Equilbristik des italienischen Quartett hier ein ganz besonderes Ereignis. Im Gegensatz zum Auftritt bei Flic Flac in Dortmund arbeiten sie ihren Schlusstrick in Monte Carlo wieder zu viert. In der jüngsten Kasseler Flic Flac-Produktion zu sehen war die Troupe Acrobatique de Pekin. Sprünge durch Reifen in rekordverdächtiger Höhe sind die Spezialität des rein männlichen Ensembles aus China. Damit setzen sie das Ausrufezeichen hinter diese Auswahlshow mit viel Handstandakrobatik und zwei Chinatruppen.

Zum Finale gibt es wieder eine bestens gefüllte Manege mit den ganz großen Namen des internationalen Circus. Fast alle sind in den monegassischen Farben Weiß und Rot gekleidet. Die Damen des Ballett vom Großen Staatscircus in Minsk tragen prächtige Kostüme, die in beleuchteten Lettern und Zahlen die beiden wichtigsten Botschaften verkünden “Monte Carlo“ und „40“. Das Jubiläumsfestival war ein einmaliges Ereignis. Wer es erlebt hat, wird es wohl nie vergessen. Ganz gleich, ob in der Manege oder als Zuschauer. Wer nicht dabei war, kann sich auf das 50. Jubiläum 2026 freuen. Seien wir gespannt, welche Darbietungen dann zu sehen sein werden. Für jetzt aber bleibt eine tiefe Verneigung vor den Menschen, die dieses Festival möglich gemacht haben – Fürst Rainier und Prinzessin Stéphanie.


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Text und Fotos: Stefan Gierisch